Das Älterwerden verglichen mit dem Tagesablauf

Was ist das Leben?

Etwas, das intensiv spürbar ist, dann wieder gar nicht, scheinbar immer gleich, dann wieder ganz anders, zuweilen äußerst abwechslungsreich, dann wieder reine Gewohnheit. Es bringt Lüste und Glück, aber auch Schmerz und Unglück mit sich, und niemand weiß, wie die Aufteilung dazwischen genau funktioniert. Es lässt Menschen nach Berührung und Beziehung suchen, aus denen sie dann wieder fliehen. Es verlangt ihnen Besinnung ab, um dann wieder besinnungslos dahinzutreiben. Es pulsiert zwischen Polen wie Freude und Ärger, Angst und Hoffnung, Sehnsucht und Enttäuschung, Werden und Vergehen, Jugend und Alter. Letztere verweisen auf die unterschiedlichen Zeiten des Lebens, denn die Zeit der Jugend ist eine andere als die Zeit des Alters. Um diesen Besonderheiten auf die Spur zu kommen, ist es hilfreich zu vergleichen. Mit dem Lauf eines Tages scheinen sie Ähnlichkeiten zu haben.

Das erste Viertel des Lebens entspricht dem frühen Morgen.

Selbst wenn das Aufstehen mühsam ist, stehen dem jungen Menschen in den ersten Jahren und Jahrzehnten seines Lebens zahllose Möglichkeiten offen. Alles kann aus ihm werden. Durch Spielen, Ausprobieren und Bildung erschließen sich ihm ein Leben im Vollgefühl und des offenen Horizonts. Die Zeit des möglichen Könnens. Ich kann das, heißt in dieser Zeit, ich könnte, wenn ich nur wollte. Vom Anfang des Lebens an geschieht dabei ein Älterwerden. Bemerkt oder unbemerkt, in Schüben und irritiert durch die Pubertät gewinnt das Älterwerden schließlich ganz andere Konturen als in den Jahren davor.

Der Übergang zum zweiten Viertel des Lebens vollzieht sich als fliegender Wechsel.

Erst am späten Vormittag um den dreißigsten Geburtstag herum, stellt sich eine Ahnung ein, dass der Horizont nicht auf Dauer so offenbleiben wird. Fragen, wie welche Pläne lassen sich noch verwirklichen, tauchen auf. Die Zeit drängt, wenn es darum geht Familie zu gründen oder berufliche Ziele zu erreichen. Größer als der äußere Druck ist der innere. Kennzeichnend für diese Phase ist der Abschied vom ich könnte, wenn ich nur wollte. Jetzt geht es darum, ein wirkliches Können zu beweisen: Ich kann das! Das Gefühl mitten im Leben zu stehen, gestresst, aber kraftvoll und unbesiegbar, macht es leicht, das Älterwerden wieder zu vergessen.

Die Mitte des Tages passieren die Menschen im vollen Lauf.

Zwischen dem vierzigsten und fünfzigsten Jahr ist die Hälfte des Lebens erreicht. Gemessen daran, dass in unserer Gesellschaft eine Lebensdauer von achtzig, neunzig oder hundert wahrscheinlich ist. Doch von nun an wird die Zahl der kommenden Jahre immer kleiner sein, als die der vergangenen. Das Einstimmen von Körper und Geist auf eine neue Lebensphase geht mit Turbulenzen einher. Es sind Irritationen, die an die Pubertät erinnern und die sich wie diese hinziehen können. Es fühlt sich an wie ein üppiges Mittagessen.

Gesättigt wandelt sich in der dritten Phase die Perspektive auf das Leben von Grund auf.

Was lange ein prospektives Leben war, wird zum retrospektiven. Nicht mehr nach vorne offen, sondern nach vorne enger werdend, verändern sich die selbstgestellten Fragen: Wie verlief mein Leben? Was habe ich bisher gemacht und erreicht? War es in jüngeren Jahren nicht von Interesse, vom Älterwerden, Sterben und Tod irgendetwas zu sehen und zu hören, so drängt sich jetzt der Gedanke daran von selbst auf. Außer er wird mit Gewalt abgewiesen.

Am späten Nachmittag des Lebens, gegen Abend hin, wirken sich die körperlichen und seelischen Erfahrungen prompt auf die Sicht von Leben und Welt aus. Zunehmend sind wir an diese Sicht gebunden, die durch Lebenssituationen, Erfahrungen und Beziehungen geprägt wurde. Eine Sicht, die so dominant ist, dass eine andere kaum noch vorstellbar erscheint.

Das Wissen um die Begrenztheit des Lebens wächst. Sie bleibt aber weiterhin sehr theoretisch, denn praktisch liegt die Grenze meist noch in weiter Ferne.

Feel-well-Denkwerkstatt im Frühjahr 2020: „Übers Älterwerden philosophieren.“

Die Philosophie ist eine besonders hervorragende Schule des Denkens, die den Geist zu disziplinieren und seine Sprunghaftigkeit zu vermindern vermag. Feel-well plant für das Frühjahr 2020 eine eineinhalbtägige Denkwerkstatt in Zusammenarbeit mit www.academia-philosophia.com *) Die Anzahl der Teilnehmerinnen ist mit 12 Frauen begrenzt. Veranstaltungsort Wien oder Salzburg.

Wer sich jetzt schon dafür interessiert, schickt bitte ein E-Mail an eine der drei Feel-well-Initiatorinnen oder an info@feel-well.at

*) Die Academia Philosophia ist eine österreichische Privatakademie für Philosophie und philosophische Weltdeutung und wurde 2012 zur Erwachsenenbildung und Forschung gegründet.

 

 

2 Kommentare

  1. Ein schöner Vergleich, das Leben im Verlauf eines Tages zu beschreiben! Noch deutlicher wird der Vergleich mit den 4 Jahreszeiten, wo alle Sinne dazupassen, wie Temperaturen, Lichtverhältnisse, Vegetation, wachsen und sterben …

    • Die vier Jahreszeiten sind natürlich auch sehr treffend:

      Die zärtliche Ungeduld des Frühlings,
      das milde Wachstum des Sommers,
      die stille Reife des Herbstes,
      die Weisheit des erhabenen Winters.

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