Shiatsu: Spüren, wo der Körper bedürftig ist

Andrea Miyagawa-Török ist seit mehr als 30 Jahren Shiatsu-Praktikerin. Seit einiger Zeit suche ich sie zweimal im Monat auf und lasse mich von ihr mit neuer Energie aufladen. Manchmal ist die Behandlung ein behutsames Berühren, manchmal ein kraftvolles Bewegen oder Klopfen. Andrea Miyagawa-Török erklärt für feel-well, wie Shiatsu funktioniert und wirkt, was der Unterschied zu einer klassischen Massage ist, und warum gerade Frauen in der Lebensmitte davon profitieren können.

Shiatsu-Praktikerin Andrea Miyagawa-Török
Die Shiatsu-Praktikerin Andrea Miyagawa-Török (Alle Fotos von Eva Mühlbacher)

Was ist Shiatsu?

Andrea Miyagawa-Török: Shiatsu ist eine japanische Methode der Körperarbeit, die von Shizuto Masunaga Sensei und Ohashi Sensei in den 1960er Jahren begründet wurde. Dabei wurden traditionelle asiatische Heilweisen mit westlichen Ansätzen kombiniert. „East meets West“ im besten Sinne.  

Was unterscheidet Shiatsu von einer klassischen Massage?

Shiatsu basiert auf den empirischen Lehren

  • der TCM,
  • Theorie der 5 Elemente,
  • Ki und Yin/Yang,
  • Meridianlehre sowie
  • der Zang/Fu Organe.

Beim Shiatsu wird Ki (Lebensenergie) in den Meridianen bewegt, unterstützt und gefördert. Dabei werden die Akupunkturmeridiane aktivitiert

In der klassischen, westlichen Massage wird die Muskulatur gelockert, durchblutet und mit Hilfe verschiedenster manueller Techniken gelöst. Die Wirkung zielt vordergründig auf den Bewegungsapparat ab. Es gibt natürlich einige Ähnlichkeiten, Shiatsu hat aber einen ganzheitlichen Ansatz, wenngleich auf den ersten Blick genauso mit den Händen am Körper gearbeitet wird. 

Wie wirkt Shiatsu?

Es wirkt über die Arbeit im Verlauf der Meridiane. Diese nehmen auf den gesamten Organismus Einfluss, auf alle Strukturen wie Gelenke, Sehnen, Faszien, Muskeln, Knochen sogar die Organe, Sinnesorgane und die Emotionen. Der Fokus wird nach vorheriger Diagnose im Hara (Bauchraum) gelenkt und bestimmt. Hier, in den entsprechenden Zonen, wird ein energetisches Ungleichgewicht abgebildet. Je nachdem können anschließend die zugehörigen Meridianverläufe tonisiert oder sediert werden.

Beim Shiatsu spüren wir, an welchen Stellen oder Punkten der Körper bedürftig ist, wo er gehalten, sanft berührt oder eher energisch bewegt, geklopft oder mit den Ellenbogen bearbeitet werden möchte.

Bei welchen Beschwerden kann Shiatsu helfen?

Es ist bei vielen Beschwerden hilfreich, da es einerseits durch seine vegetativ ausgleichende Wirkung bei psychosomatischen Beschwerden entspannt, andererseits eine immunstimulierende und kräftigende Wirkung, hat. Natürlich lassen sich auch strukturelle Probleme wie Spannungszustände im Bewegungsapparat, Migräne, Menstruationsprobleme oder Verdauungsbeschwerden mit Shiatsu mildern. Es eignet sich außerdem zur Burnout-Prophylaxe, fördert gesunden Schlaf und gute Stimmung.

Warum tut Shiatsu Frauen in den Wechseljahren gut?

Durch die hormonelle Umstellung rund um die Menopause fühlen sich viele Frauen fremd in ihrem Körper. Er reagiert anders, es treten unterschiedliche, manchmal auch unangenehme Körpergefühle auf. Einige dieser Symptome wie Hitzewallungen, Nachtschweiß, Schlafstörungen und  Kreislaufstörungen etc. lassen sich durch das Abnehmen der Yin-Energie erklären und sind auf diese Weise durch die gezielte Arbeit an den entsprechenden Yin-Meridianen sehr positiv zu beeinflussen. Das wohltuende und entspannende Körpergefühl, das wir während einer Sitzung erleben, wirkt dem Stress mit unserem Körper entgegen und versöhnt uns wieder mit ihm. Shiatsu löst Spannungen dort, wo es Spannung gibt und fördert so das Wohlbefinden. Es werden dabei Glückshormone wie Endorphine und jede Menge Oxytocin ausgeschüttet.

Beim Shiatsu wird Ki (Lebensenergie) in den Meridianen bewegt, unterstützt und gefördert.

Zahlen die Krankenkassen bei Shiatsu dazu?

Es wird zwar von einigen Zusatzversicherungen mit alternativen Angeboten übernommen, aber nicht von den Gebietskrankenkassen. Es gibt allerdings für Versicherte der SVA eine Möglichkeit, Shiatsu im Rahmen des „Gesundheits-100er“ bei mir als Kooperationspartnerin abzurechnen.

Abschließend eine persönliche Frage: Wie sind Sie selbst zu Shiatsu gekommen?

Ich bin als unzufriedene Studentin der Theaterwissenschaften nach Asien aufgebrochen, auf der Suche nach einer Methode der Körperarbeit und habe unterwegs die Bekanntschaft mit Shiatsu gemacht. Der logische Schritt für mich war ins Ursprungsland zu reisen, um es dort zu erlernen. Ich bin 1984 nach Tokyo gekommen, auch der Liebe wegen. Ich besuchte zuerst eine kleine internationale Schule, auf der wir, sieben SchülerInnen vor allem aus Australien und den USA, unterrichtet wurden. Später absolvierte ich fortlaufende Kurse am IOKAI-Zentrum mit Schülern von Masunaga Sensei und bei Privatlehrern.

War es schwierig, als Europäerin Shiatsu in Tokyo zu lernen?

Nachdem es in Japan Tradition ist, in allen klassischen Techniken sehr langsam, durch genaues Zusehen und Beobachten, sowie dann durch eigenständiges Üben zu lernen, war die Sprachkompetenz nicht im Vordergrund. Ich fand es zwar herausfordernd, war aber hingerissen von der kulturellen Andersartigkeit und der Methode an sich. Ich hatte das Gefühl, endlich angekommen zu sein!

Danke für das Gespräch.

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