Frauennetzwerke: Seilschaft oder Selbsthilfe

Frauennetzwerke: In vielen Branchen hängt der Erfolg davon ab, wie vernetzt man ist und wie viele Kontakte man hat: Aufträge, Jobs und Projekte werden oft an Personen vergeben, die man kennt. Netzwerke haben deshalb nicht immer den besten Ruf: Seilschaften oder Klüngel sind Bezeichnungen für Netzwerke, die diese Vorbehalte ausdrücken.

Ich persönlich bin in meinem Leben zu Netzwerken auf Distanz gegangen, auch zu denen von Frauen. Ich war von der Kraft der eigenen Leistung überzeugt, bin das noch immer, habe aber erkannt, dass Netzwerk nicht gleich Netzwerk ist.

„Ohne Netzwerke und persönliche und soziale Kontakte könnten wir überhaupt nicht (zufrieden) leben“, schreibt Tina Groll in der Zeit

Gerade in Krisenzeiten merken wir, wer ein freundschaftliches Netzwerk pflegt, ist besser aufgehoben und fällt nicht so tief. Es lohnt sich deshalb, sich mit dem Thema Netzwerk auseinanderzusetzen.

Formale und informelle Netzwerke

Tina Groll unterscheidet in ihrem Beitrag zwischen formalen und informellen Netzwerken.

Formale Netzwerke sind etwa

  • Alumnivereine von Universitäten,
  • Netzwerke innerhalb von Unternehmen oder Branchen,
  • sogenannte Service-Clubs wie Rotary oder Lions Clubs,
  • Geheimbünde, Bruderschaften und Burschenschaften.

Formale Netzwerke waren in der Vergangenheit  nur für Männer bestimmt oder von ihnen dominiert.

Vor gut hundert Jahren begannen Frauen, eigene Netzwerke zu gründen. Einerseits um die Emanzipation voranzutreiben, andererseits um gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Teilhabe in eigene Hände zu nehmen. Bekannte Karrierenetzwerke für Frauen mit langer Geschichte sind etwa „Business & Professional Women“, die den Equal Pay Day initiieren. Heuer fand dieser Tag der Einkommensgleichheit am 25. Februar 2020 statt. Auch in Österreich gibt es unzählige Frauenverbände und Netzwerke für verschiedene Branchen.

Informelle Netzwerke dagegen entstehen im Persönlichen. Man baut ein Netzwerk selbst auf und aus. Man ist untereinander locker vernetzt.

Wie wirksam sind Frauennetzwerke?

Harald Katzmair, Soziologe und Philosoph, zählt zu den führenden Experten der Analyse von Netzwerken. In einem Interview mit Welt der Frauen im Jahr 2018 hat er Funktionsweise und Besonderheiten von Frauennetzwerken beleuchtet. Er ist überzeugt, dass es auch in Zeiten von Social Media klassische Netzwerke geben muss. Ein „Revival der Offline-Beziehungen“ hält er für unverzichtbar, denn wegen der Algorithmen werden in sozialen Medien die Menschen nach Ähnlichkeit zusammengebracht, Gleich und gleich verbunden. Dadurch entstehen, so Katzmair, Echokammern. Genau das ist für den Soziologen oft auch das Problem von Frauennetzwerken: es gibt eine zu hohe Ähnlichkeit unter den Mitgliedern.

Für ein machtvolles Netzwerk ist die Variabilität wichtig, dazu gehören nicht nur unterschiedliche Altersgruppen und Berufe, sondern auch Gender-Diversität. Frauennetzwerke werden oft aus gemeinsamer Betroffenheit herausgebildet. Das führt dazu, dass in diesem Netzwerk gemeinsam Dinge verarbeitet werden und sich Frauen emotional unterstützen. Aber sie können sich nicht ökonomisch oder machtpolitisch unterstützen. Das Netzwerk hat eine therapeutische Funktion.

Seilschaft oder Selbsthilfgruppe?

Wenn man in der Männerwelt nach vorne kommen will, muss Frau entweder bestimmte Machtrituale von Männern übernehmen, oder sie sagt: „Wir Frauen machen unser eigenes Ding“ (Harald Katzmair). Dann braucht es aber andere  Spielregeln und ganz andere Strategien.

Frauen, die ein Anliegen haben, sich ein Netzwerk suchen oder aufbauen wollen, sollten sich ein, zwei Verbündete suchen und ergründen, was das das gemeinsame Anliegen ist. Wichtig ist, so Katzmair, auf folgende fünf Punkte zu achten:

  1. Suche eine zweite und dritte Verbündete, die ein bisschen anders sind (andere Branche, anderer Hintergrund).
  2. Beginne regelmäßige Treffen in der Offline-Welt.
  3. Ziehe andere dadurch an, dass das, was ihr macht spannend, relevant und von Leidenschaft getragen ist.
  4. Achte nicht darauf, wie groß die Gruppe wird, sie muss nicht wachsen, sie muss vital sein.
  5. Es muss sinnvoll sein, dort zu sein. Und es wird dann sinnvoll sein, wenn es Unterschiedlichkeiten gibt und man das Gefühl hat, dass diese Gruppe über den Kreis, in dem man jetzt lebt, hinausreicht.

Die Frauenplattform feel-well z.B. haben Petra Kulvicki, Andrea Schneider und ich aus einem ähnlichen Bedürfnis heraus gegründet: Gemeinsam wollen wir einen Beitrag für eine geänderte Alterskultur  leisten und das Wohlbefinden von Frauen in der Lebensmitte fördern. Das verbindet uns, da wollen wir etwas bewegen.

Welche Erfahrungen habt ihr mit Frauennetzwerken? Wo seid ihr dabei? Wollt ihr zur Vielfalt von fell-well beitragen, dann freuen wir uns auf euer Feedback und eure Kommentare. Gerne nehmen wir euch in unsere Facebook-Gruppe auf. 

Ein Kommentar

  1. Ich gehöre seit Jahrzehnten einer Reihe von Netzwerken an. Teils sind es reine Frauen- oder aber gemischte Netzwerke. Eines liegt mir besonders am Herzen:
    Rotary.

    Mein persönliches Ziel und das von Rotary ist Hilfsbereitschaft im täglichen Leben -> Service Above Self. Gerade jetzt brauchen wir diese Einstellung ganz besonders.

    Rotary wurde 1905 in Chicago von einem Anwalt, einem Kohlenhändler, einem Schneidermeister und einem Bauingenieur gegründet, um sich zu treffen und Freundschaft zu pflegen.

    1932 wurden die rotarischen Werte von einem Rotarier entwickelt. Er war von seinem Arbeitgeber vor die fast aussichtslose Aufgabe gestellt wurde, das Unternehmen für das er arbeitete vor dem Bankrott zu retten. In dieser misslichen Lage stellte er vier Fragen zusammen, mit deren Hilfe jeder Gedanke, jedes Wort und jede Tat geprüft wurde. Ist es wahr? Ist es fair für alle Beteiligten? Wird es Freundschaft und guten Willen fördern? Wird es dem Wohl aller Beteiligten dienen?

    Durch die konsequente Anwendung dieser vier Fragen gelang es ihm und seinen Mitarbeitern das Unternehmen zu sanieren und Achtung, Vertrauen und Freundschaft seiner Kunden und Konkurrenten wieder zu gewinnen.

    Seither gilt die 4-Fragen-Probe für alle Rotarier rund um die Welt. Sie ist ein Wegweiser zum richtigen Denken und Handeln und hilft Wahrheit, Gerechtigkeit, Freundschaft und Hilfsbereitschaft zu leben und zu fördern. Dies sind bis heute die Schwerpunkte des rotarischen Wirkens. Zusätzlich hat sich Rotary dem Dienst am Mitmenschen verschrieben. Das zeigen zahlreiche Hilfsprojekte auf lokaler und internationaler Ebene.

    In 35.890 Clubs in 215 Ländern mit 1,2 Millionen Mitgliedern wird der rotarische Gedanke unabhängig von Geschlecht, Tätigkeit, Kultur und Religion gelebt.
    Jeder Club trifft sich einmal die Woche. Die für Hilfprojekte erforderlichen Geldmittel erlangt der Club durch den jährlichen Mitgliedsbeitrag, Einnahmen bei wohltätigen Veranstaltungen und sonstige freiwillige Spenden.

    Ich bin stolz, Rotarierin zu sein.

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